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SPD-Bundestagsabgeordneter der 16. Legislaturperiode

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Reden im Deutschen Bundestag

"Medien- und Onlinesucht als Suchtphänomen erforschen, Prävention und Therapien fördern"

Jürgen Kucharczyk, MdB am Rednerpult des Bundestages
Jürgen Kucharczyk, MdB.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

bereits am 9. April 2008 haben der Ausschuss für Kultur und Medien und der Unterausschuss Neue Medien eine Öffentliche Anhörung zum Thema durchgeführt.

Das Ergebnis dieser Anhörung war deutlich:
Es sind zwar zahlreiche Suchtfälle bekannt, aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Expertise eine Anerkennung von suchtartigem Verhalten in Verbindung mit neuen Medien als Krankheit bei der WHO allerdings nicht möglich.

Mittel zur Entwicklung und Finanzierung von Behandlungsmöglichkeiten der bereits aufgetretenen Suchtfälle sind dadurch nicht vorhanden.

Der gemeinsame Koalitionsantrag ist daher der richtige Schritt zu dem längst überfälligen Ausbau der Forschung nach einem möglichen zukünftigen Krankheitsbild.


Wie kommt es dazu, dass Jugendliche und Erwachsene sich nahezu vollkommen aus der Realität zurückziehen und im Extremfall 10 bis 18 Stunden am Tag in der virtuellen Welt verbringen und ihre sozialen Kontakte vernachlässigen?

Die Frage nach der Motivation muss flankiert werden von der Ausarbeitung effektiver Behandlungsformen. Dazu gehört die flächendeckende Vernetzung der bislang bestehenden Initiativen und die Bildung von Schwerpunkten. Denn wie wir in der Anhörung erfahren haben, sind drei Verhalten auffällig: Onlinespielsucht, Onlinechatsucht und Onlinesexsucht.

Nach der aktuellen Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. sind 3 Prozent der Jungen und 0,3 Prozent der Mädchen einer Schülerbefragung unter Neuntklässlern bereits abhängig von Computerspielen. Bei 15jährigen männlichen Spielern des Fantasygames World of Warcraft gelten 8,5 Prozent als abhängig.

Selbst, wenn wir Studien des KFN nicht immer unkritisch gegenüber stehen, sind das Werte, die alarmieren. Und denen wir etwas entgegensetzen müssen.

Unser Antrag hat den Jugendschutz besonders im Fokus:

Jugendliche sind uns heute in vielen Fällen weit voraus, wenn es um die Nutzung der Neuen Medien geht. Aber sie sind auch gefährdet und besonders schutzbedürftig.

Zentraler Punkt ist daher die Förderung und Implementierung von Medienkompetenz. Wir wollen erreichen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene – durch die Zusammenarbeit von Eltern, Schulen und Medienpädagogik – lernen, die neuen Medien verantwortungsvoll zu nutzen. Insbesondere die Elterngeneration ist häufig überfordert oder schlicht nicht wissend, wenn es um den Internet-Konsum ihrer Kinder geht. Dort müssen wir ansetzen, sie müssen wir stärken und ihre Aufmerksamkeit auf das Thema lenken, um die Kinder und Jugendlichen wirksam zu schützen.

Dazu setzen wir auch verstärkt auf den Schutz durch Technik und wollen gemeinsam mit den Herstellern den Einsatz von technischen Hilfsmitteln für den Kinder- und Jugendschutz prüfen. Infrage kommen etwa automatische Spielzeiteinblendungen oder die Einstellung von Spielzeitkontingenten durch die Eltern.

Kinder und Jugendliche eignen sich die Medienwelt entsprechend ihrer altersspezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten auf höchst unterschiedliche Art und Weise an.

Wir fordern deshalb die Länder auf, den Bereich Medienkompetenz in den Schulen zu stärken, für eine umfangreiche Lehre Sorge zu tragen und Präventionsangebote zu schaffen. Die Verankerung eines Schulfachs Medienkunde ist allein deshalb sinnvoll, da angehende Lehrerinnen und Lehrer speziell und umfassend ausgebildet werden.

Zudem soll die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung innerhalb der vorhandenen Ressourcen eine bundesweite Aufklärungskampagne beginnen.

Denn nur mit flächendeckender Werbung für einen vernünftigen Umgang mit den neuen Medien erreichen wir auch diejenigen, die sich bislang zu unvorsichtig im Netz bewegen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Anmerkung: Diese Rede ging zu Protokoll.